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KUNST- UND LITERATURTAG PDF Drucken E-Mail
Autor: Frau Hastert und Frau Kirst   

I. Kleine Chronologie

Im April 1999 entsteht auf einem Pädagogischen Tag im Zusammenhang mit der Rhythmisierung des Schuljahres die Idee eines künstlerisch-literarischen Tages. Im Sommer des gleichen Jahres bittet die Schulleitung darum, die Idee in die Tat umzusetzen. Und so findet Weihnachten 1999 schließlich der erste künstlerisch-literarische Tag am Lessing-Gymnasium statt. Seit diesem Zeitpunkt ist die Veranstaltung zu einer festen Institution an unserer Schule geworden.

II. Ein Gedicht

Der Blinde und der Lahme

von Christian Fürchtegott Gellert

Von ungefähr muß einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Daß ihn der andre leiten soll.

Dir, spricht der Lahme, beizustehn?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehn;
Doch scheints, daß du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.

Entschließe dich, mich fortzutragen:
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auge deines sein.

Der Lahme hängt mit seinen Krücken
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.

Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.

Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die Natur für mich erwählte:
So würd' er nur für sich allein
Und nicht für mich bekümmert sein.

Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.

III. Die Konzeption

Die Kunst ist schweigsam, still - ihr Produkt fährt ins Auge oder ins Herz. Um sich bemerkbar zu machen, sich aus dem Privaten zu erheben, muss sie sich verwandeln, äußerlich und akustisch werden.
Die Literatur allein wiederum ist schmucklos, trocken - ihr Produkt fährt ins Ohr. Sie braucht Ambiente, Klang, Bewegung - erst dann erlangt sie zur Vollendung.
Auf dem Hintergrund dieser Überlegung wollen wir eine Veranstaltung von Schüler/innen für Schüler/innen schaffen, die leisen Tönen und stillen Menschen Gehör verschafft, die Literatur, Bildende Kunst, Malerei, Musik, Gesang und Tanz verbindet, also interdisziplinär ist, die kulturelle Tradition und moderne Show-Elemente gleichermaßen schätzt.

IV. Die Bühne als Ausstellungsort

Natürlich hatten wir ursprünglich an eine Vernissage vorzugsweise in dem relativ großen Kunstraum gedacht. Die Gründe gegen diese Entscheidung sind nicht relevant, das Ergebnis mag stattdessen interessieren: Auch die Kunst unseres Hauses sollte einmal auf die Bühne! Und jeder Besucher sollte wirklich schauen! Dazu durfte und musste er - wie die Aktiven später - die Bühne betreten, die Bretter, die die Welt bedeuten, spüren unter den Sohlen. Vom dann erst aufgesuchten Sitzplatz aus sollte er noch eine Weile dem Vernissage-Treiben auf der Bühne zusehen und die Spannung auf das Kommende auf sich wirken lassen.
Zwei verschiedene Arten des Sehens sollten ihm zugemutet bzw. angeboten werden: ein aktives, sinnsuchendes Schauen auf das, was Schüler zustande gebracht haben, und ein passives, die Darbietungen konsumierendes wohlgefälliges Sehen.
Zuerst also sollten die Gäste sich durch die statische Ausstellung hindurch bewegen, zuletzt konnten sie einen festen Platz einnehmen und sich schließlich von einem dynamischen, abwechslungsvollen Programm verführen und mental in Bewegung bringen lassen.
Es wäre schön, wenn mancher unsere so geartete Absicht verstanden und genossen hätte.

 
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